
Neues Lied vom Kameraden
Kein Trommelschlag zum Streite.
Kein Mensch an meiner Seite.
Im Staub eine abgerissene Hand.
Noch ein Helm dort vorn
und ein Stück Hirn.
Hinter der kleinen Kuppe -
Jan, der versucht, sich seine Gedärme
zurück in den Bauch zu stopfen.
Hier gibt es kein Pult für Trauerreden.
Hier fliegen keine falschen Friedenstauben,
die uns verblendet verantwortlich machen,
wofür wir mitverantwortlich sind.
Da drüben die tote Frau und das Kind.
Auf der Bank, den Gehstock noch in der Hand,
der alte Mann - ohne Kopf!
Getrocknet schon fast
das Blut auf der Brust.
Kein Wort mehr zum Kampf um die Freiheit.
Kein Geschwafel mehr vom Dienst am Vaterland.
Und wehe, Ihr erzählt von Helden!
Lernt endlich, den Frieden zu lieben!
Leserbrief
Nicht lernfähig!
Scheinheiligkeit ist in dieser Republik zum Hauptkennzeichen geworden - erst die Bischöfe, jetzt mal wieder unsere "Politeliten". Beide Personengruppen sind wahrlich geübt in dieser Disziplin. Absurd ist der Automatismus, die Routine und die Unverfrorenheit, mit der die Akteure dem Volk ihre Charakterlosigkeit demonstrieren. In der Politik funktioniert das so:
1. Schritt: Wir sind automatisch und fraglos "bündnissolidarisch".
2. Schritt: Der Einsatz dient der Abwehr des Terrors, der Demokratisierung Afghanistans, ist kein Krieg, sondern ein humanitärer Einsatz oder allenfalls ein bewaffneter, nicht internationaler Konflikt.
3. Wir (Plural Majestatis), die politische Elite von CDU, SPD, FDP sowie die ehemaligen Pazifisten der Grünen, sind in geballter Scheinheiligkeit zutiefst erschüttert, dass junge deutsche Männer in ihrem Blut liegen. Unsere ganze Anteilnahme gilt ihren Angehörigen. Unser smarter Verteidigungsminister wird die Trauerrede halten. Sollte ein Bischof nicht gerade durch andere Geschäfte abgehalten sein, wird er den Trauergottesdienst zelebrieren.
4. Schritt: Es bleibt alles beim Alten, weil diese Gesellschaft nicht lernfähig ist.

Phase 2 unserer Aktion ist angelaufen. Seit dem 02. März 2010 bekommen alle Bundestagsabgeordneten der Fraktionen, die für die Fortsetzung des Krieges in Afghanistan gestimmt haben, eine freundliche Pappnasen-Karte im neuen Design. Uns ist nicht bekannt, ob sich ein Abgeordneter/eine Abgeordnete bereits freiwillig für den Kriegsdienst gemeldet haben.
O
ffener Brief an die Menschen in Afghanistan
Liebe Frauen, Männer und Kinder in Afghanistan,
als Angehöriger eines Volkes, das vor etwas mehr als 60 Jahren einen kleinen Vernichtungskrieg geführt hat, der ca. 50 Millionen Menschen das Leben kostete, und als Angehöriger des deutschen Volkes, das von 1933 - 1945 ca. 6 Millionen jüdische Menschen, Frauen, Kinder, Greise vergast, erschossen, eben halt umgebracht hat, grüße ich euch von Herzen und teile euch mit, dass nun in Deutschland alles ganz anders und viel besser geworden ist.
Wir haben viel weniger Soldaten als damals und vor allem ganz andere Politiker als in der Zeit von 1933 bis 1945. Auch ist mein Volk in der Zwischenzeit viel klüger und vor allem humaner geworden. Deswegen schicken wir euch ja auch die Aufbaukommandos und nur gelegentlich ein paar Spezialtruppen und die Tornados. Die meisten Menschen in Deutschland glauben allerdings mittlerweile, dass es reichlich dumm ist, eure Gesellschaft mit Hilfe von Tornado-Kampfflugzeugen reformieren zu wollen - leider sitzen bei uns die meisten Menschen nicht im Parlament.
Was unsere Politiker anbetrifft, so haben wir eine ganze Reihe von Leuten gerade in den sog. "Volksparteien", die sich ernsthaft bemühen, für Humanität und Frieden in der Welt aktiv einzutreten und die überzeugt sind, dass es ihre ganz selbstverständliche Pflicht sei, sich um eure Angelegenheiten zu kümmern und euch die Demokratie zu bringen.
Freilich, es gibt noch einige wenige bei uns, die versuchen, unsere Freiheit und Demokratie ein wenig auszuhöhlen, indem sie im Kampf gegen den Terrorismus unsere Fingerabdrücke nehmen wollen, unsere Autobahnen und Straßen mit Kameras überwachen lassen und die Festplatten unserer Heimcomputer ausspionieren wollen. Es gibt auch noch einige, die alte Nazi-Verbrecher posthum zu Nazi - Gegnern schönreden - aber im Grunde haben wir jetzt in unserem deutschen Bundestag und anderswo großartige Menschen, die alle Probleme, die bei uns gelegentlich auftreten, souverän und zu unserer vollsten Zufriedenheit lösen.
Wir leben jetzt seit mehr als einem Jahrzehnt prächtig mit mehr als vier Millionen Arbeitslosen, unsere Wirtschaft floriert, unsere Manager verdienen bis zu 20 Millionen Euro im Jahr, unsere Rentner bekommen mindestens 300 - 400 Euro pro Monat, und nach den sog. Pisa-Studien sind wir keine dummen Analphabeten sondern haben die besten Schulen und Universitäten der Welt, sieht man einmal davon ab, dass es noch rund ein Dutzend von Staaten auf der Welt gibt, die auf den Gebieten Bildung und Forschung erheblich besser sind als wir.
Unsere Politiker sind hoch geachtet und vom Volk geliebt, sie halten hervorragende, ideenreiche Reden und sie stehen unserem Volk sehr nahe und handeln in unserem und vor allem in ihrem Interesse. Weil das so ist, fahren sie nur in dick gepanzerten Limousinen und mit Polizeischutz und Personenschützern durch unser Land.
Sie haben für uns immer ein offenes Ohr und versprechen uns vor Wahlen besonders viel.
Den meisten Menschen bei uns, das muss ich zugeben, geht es heute auch viel besser als den Leuten, die vor mehr als 60 Jahren bei uns als Nazis gelebt haben und dann im Bombenhagel von Hamburg und Dresden umgekommen sind, oder die damals quer durch Russland marschieren mussten - bis Stalingrad - und wieder zurück.
Jetzt gibt es bei uns nur noch ganz wenige Generale und andere deutsche Soldaten, die gerne mal den Amerikanern, Engländern und Kanadiern helfen, euch ein paar Bomben auf den Kopf zu werfen, und die euch die Demokratie bringen wollen, die bei uns schon so hervorragend seit fast 60 Jahren funktioniert.
Ihr wisst ja, es waren auch nur ein paar Spinner, die sich vor einiger Zeit so ein Abzeichen auf die Autos gemalt hatten, das ein wenig an das Zeichen des Afrika-Korps von unserem Kriegshelden Erwin Rommel erinnerte.
Die meisten unserer Soldaten sind bei euch, um einen Beitrag zur Befreiung eurer Frauen zu leisten - so hat es jedenfalls mal eine Ministerin der SPD vor dem Bundestag gesagt.
Wir wollen auch, dass es euch wirtschaftlich etwas besser geht als bisher! Und das ist uns ja nach 6 Jahren unseres Besuches bei euch auch schon gelungen!
Ihr baut jetzt viel mehr Mohn an als je zuvor und könnt mehr Opium herstellen und an uns und die übrigen Länder der Welt verkaufen. Bei uns hilft das einer ganzen Reihe von Jugendlichen!
Unter uns - noch ein Wort zu unseren Politikern - zu unseren und euren. Ich habe gehört, dass ein Teil eurer Politiker korrupt sein soll? Nun, bei uns gab und gibt es auch einige, die ganz unerklärbar Geld auf ihrem Schreibtisch fanden oder es in Koffern bekamen! Ihr müsst also keine Sorge haben, dass wir euer politisches System zu drastisch verändern.
Ich habe abschließend eine Bitte an euch, liebe Frauen und Männer in Afghanistan.
Vieles ist ja bei uns absolut in Ordnung und kann gar nicht mehr besser gemacht werden. Aber eben nicht alles ist perfekt. Deswegen - wenn unsere Soldaten euch so in 15 bis 20 Jahren zu einer hoch zivilisierten und wirtschaftlich starken Gesellschaft entwickelt haben, dann schickt uns doch bitte ein paar Kompanien eurer bewaffneten Entwicklungshelfer nach Berlin, Köln, Hamburg und München, weil ich gehört habe, dass das gut für uns sein könnte, und viele Deutsche auf euren Dank und eure Gegenleistung schon warten.
Liebe Grüße
Euer Dieter
(aus "Mensch, Michel!", Geschichten, Gedichte und eine Erzählung, Leipzig, 2008, Engelsdorfer Verlag)
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