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Seid beruhigt! Ihr bekommt einen Tapferkeitsorden!

 

Postkarten an Frau Bundeskanzlerin!

 

 

Als 1914 junge deutsche Soldaten nach Frankreich zogen, wurden ihre Eisenbahnwaggons mit der Aufschrift versehen: "In 14 Tagen in Paris".

Junge Frauen, vermutlich handelte es sich bei einigen von ihnen um die Urgroßmütter heute lebender Deutscher, warfen, offenbar in einem Anfall völliger geistiger Verblödung, den Soldaten in den Zügen Blumen zu.

25 Jahre später, 1939 im September, verkniffen sich die Töchter jener Urgroßmütter die blumenreiche, begeisterte Verabschiedung ihrer Brüder, Verlobten und frisch angetrauten Ehemänner als diese stramm nach Polen einmarschierten - gleichwohl mochten sie den Versuch wohl für klug gehalten haben, dem Reich mit Hilfe von ein paar hundert Panzern und Flugzeugen wieder jene Größe und Bedeutung zurückzugeben, die ihre Väter im heldenhaften Kampf um Verdun und bei Cambrai verspielt hatten.

Als nun Deutschland 1945 weitgehend zerstört und vollständig besetzt war, muss es wohl einige Deutsche gegeben haben, die sich im Zustand leicht depressiver Verwirrung hinter Sprüchen zu verstecken suchten, die da lauteten: "Nie wieder Krieg!" oder "Von deutschem Boden soll nie wieder Krieg ausgehen!"

Erstaunlich das Phänomen, dass solche abwegigen Gedanken sehr schnell und sehr bald durch Sonntagsausflüge, Bratenschnittchen und die ersten Italienreisen wieder verschüttet wurden. Erstaunlich auch, dass einige Deutsche die Teilung ihres Landes und die Wegnahme ihrer Hütten und Güter in Ost- und Westpreußen und anderswo als Akt der Gewalt begriffen haben - und diese Güter deswegen heute noch zurück haben wollen!

Vielleicht nicht so erstaunlich, dass man sich knapp 10 Jahre nach der Katastrophe wieder bewaffnete. Immerhin wäre doch vielleicht verständlich gewesen, wenn die von den Deutschen so drangsalierten Völker sich dieser Ausgeburten des Schwachsinns endgültig und konsequent entledigt hätten - zumal ja die Versuche, dieses Volk durch Umerziehung eines Besseren zu belehren, ziemlich kläglich scheiterten.

Allerdings ist es nicht einfach, aus bösen Menschen "Gutmenschen" machen zu wollen! Das deutsche und andere Völker hatten mit entsprechenden Versuchen bereits erhebliche, eher negative Erfahrungen! Der Mensch, vielleicht speziell der deutsche Mensch, verfügt nämlich über eine erstaunliche Fähigkeit, sich neuen Verhältnissen anzupassen.

Eben noch kaisertreue Monarchisten mutierten einige nur in Tagen zum arbeiternahen (National-)Sozialisten. Eben noch überzeugte Nationalsozialisten gründeten einige antifaschistische Komitees. Eben noch stolze Träger des bewussten Parteiabzeichens wurden nun urdemokratische Herzen für den Rechtsstaat oder den Arbeiter- und Bauernstaat entdeckt. Eben noch beteiligt an der Entfernung jüdischer Schüler aus den Schulen, brachte man es fertig, nun unter veränderten Verhältnissen über Kleist zu unterrichten. Nun, ja! Vielleicht ist es ja doch zu schwierig, in politischer Flexibilität den blanken Wahnsinn und moralische Verdorbenheit zu erkennen.

Im Prozess der politischen Läuterung, so er denn stattgefunden hat, ist uns jedenfalls einiges Großartiges gelungen:

1. Der Nationalsozialismus ist out. Die NPD bekommt bei Wahlen unter 5 % der Wählerstimmen. Die Vertriebenenverbände stehen überwiegend der CDU/CSU nahe. In der CDU/CSU ist es üblich, frühere Verbindungen einzelner Parteimitglieder zum Nationalsozialismus zu tabuisieren.

2. "Gutmenschen" sind vornehmlich im linken und ökologischen politischen Spektrum anzutreffen. Dabei spielt die Affinität dieser Gruppierungen zu totalitären Einparteien-Systemen, zu Bespitzelungen, Ausbürgerungen und der Verfolgung politisch Andersdenkender nur eine untergeordnete Rolle. Einfache Parolen wie "Reichtum für alle" und "Raus aus Afghanistan" scheinen als Ausfluss tiefgründiger politischer Analysen auf dem Gebiet der Kapitalismuskritik weitgehende Anerkennung zu finden.

3. Wegen der Rosinenbomber, der Verbreitung von Popmusik, von Fastfood und Cocacola verdienen die USA uneingeschränkte Bündnissolidarität, ungeachtet der Tatsache, dass diese Großmacht seit mehr als 60 Jahren fast ununterbrochen Kriege führt und die Welt mit Atomwaffen in Schach hält.

4. Unsere Jugend, von Erfahrungen der älteren Generation völlig übersättigt, ja angekotzt, belastet mit einem unübersehbaren Schuldenberg und düsteren Aussichten auf Arbeitsplätze, scheint von Grundfragen des gesellschaftlichen Seins, die über die Fragen der eigenen Rentenversorgung hinaus gehen, eher unbeleckt und daher offen für die Fragen nach Krieg und Frieden.

In einem Anfall von fröhlichem aber unbegründeten Optimismus setzen wir in dieser Lage auf eine ehemalige FDJ-Funktionärin, die sich in der privilegierten Position befindet, nicht nur ständig vom Baum der Erkenntnis essen zu dürfen, sondern auch die Möglichkeit hat, gerade die zuletzt erwähnte Jugend in eine neue, dringend erscheinende "Leitkultur" zu führen. Schicken wir ihr also eine freundliche Postkarte, damit sich in Deutschland alles zum Guten wenden möge.

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Phase 2 unserer Aktion ist angelaufen. Seit dem 02. März 2010 bekommen alle Bundestagsabgeordneten der Fraktionen, die für die Fortsetzung des Krieges in Afghanistan gestimmt haben, eine freundliche Pappnasen-Karte im neuen Design. Uns ist nicht bekannt, ob sich ein Abgeordneter/eine Abgeordnete bereits freiwillig für den Kriegsdienst gemeldet haben.

 

Offener Brief an die Menschen in Afghanistan

 

 Liebe Frauen, Männer und Kinder in Afghanistan,

 

als Angehöriger eines Volkes, das vor etwas mehr als 60 Jahren einen kleinen Vernichtungskrieg geführt hat, der ca. 50 Millionen Menschen das Leben kostete, und als Angehöriger des deutschen Volkes, das von 1933 - 1945 ca. 6 Millionen jüdische Menschen, Frauen, Kinder, Greise vergast, erschossen, eben halt umgebracht hat, grüße ich euch von Herzen und teile euch mit, dass nun in Deutschland alles ganz anders und viel besser geworden ist.

Wir haben viel weniger Soldaten als damals und vor allem ganz andere Politiker als in der Zeit von 1933 bis 1945. Auch ist mein Volk in der Zwischenzeit viel klüger und vor allem humaner geworden. Deswegen schicken wir euch ja auch die Aufbaukommandos und nur gelegentlich ein paar Spezialtruppen und die Tornados. Die meisten Menschen in Deutschland glauben allerdings mittlerweile, dass es reichlich dumm ist, eure Gesellschaft mit Hilfe von Tornado-Kampfflugzeugen reformieren zu wollen - leider sitzen bei uns die meisten Menschen nicht im Parlament.

Was unsere Politiker anbetrifft, so haben wir eine ganze Reihe von Leuten gerade in den sog. "Volksparteien", die sich ernsthaft bemühen, für Humanität und Frieden in der Welt aktiv einzutreten und die überzeugt sind, dass es ihre ganz selbstverständliche Pflicht sei, sich um eure Angelegenheiten zu kümmern und euch die Demokratie zu bringen.

Freilich, es gibt noch einige wenige bei uns, die versuchen, unsere Freiheit und Demokratie ein wenig auszuhöhlen, indem sie im Kampf gegen den Terrorismus unsere Fingerabdrücke nehmen wollen, unsere Autobahnen und Straßen mit Kameras überwachen lassen und die Festplatten unserer Heimcomputer ausspionieren wollen. Es gibt auch noch einige, die alte Nazi-Verbrecher posthum zu Nazi - Gegnern schönreden - aber im Grunde haben wir jetzt in unserem deutschen Bundestag und anderswo großartige Menschen, die alle Probleme, die bei uns gelegentlich auftreten, souverän und zu unserer vollsten Zufriedenheit lösen.

Wir leben jetzt seit mehr als einem Jahrzehnt prächtig mit mehr als vier Millionen Arbeitslosen, unsere Wirtschaft floriert, unsere Manager verdienen bis zu 20 Millionen Euro im Jahr, unsere Rentner bekommen mindestens 300 - 400 Euro pro Monat, und nach den sog. Pisa-Studien sind wir keine dummen Analphabeten sondern haben die besten Schulen und Universitäten der Welt, sieht man einmal davon ab, dass es noch rund ein Dutzend von Staaten auf der Welt gibt, die auf den Gebieten Bildung und Forschung erheblich besser sind als wir.

Unsere Politiker sind hoch geachtet und vom Volk geliebt, sie halten hervorragende, ideenreiche Reden und sie stehen unserem Volk sehr nahe und handeln in unserem und vor allem in ihrem Interesse. Weil das so ist, fahren sie nur in dick gepanzerten Limousinen und mit Polizeischutz und Personenschützern durch unser Land.

Sie haben für uns immer ein offenes Ohr und versprechen uns vor Wahlen besonders viel.

Den meisten Menschen bei uns, das muss ich zugeben, geht es heute auch viel besser als den Leuten, die vor mehr als 60 Jahren bei uns als Nazis gelebt haben und dann im Bombenhagel von Hamburg und Dresden umgekommen sind, oder die damals quer durch Russland marschieren mussten - bis Stalingrad - und wieder zurück.

Jetzt gibt es bei uns nur noch ganz wenige Generale und andere deutsche Soldaten, die gerne mal den Amerikanern, Engländern und Kanadiern helfen, euch ein paar Bomben auf den Kopf zu werfen, und die euch die Demokratie bringen wollen, die bei uns schon so hervorragend seit fast 60 Jahren funktioniert.

Ihr wisst ja, es waren auch nur ein paar Spinner, die sich vor einiger Zeit so ein Abzeichen auf die Autos gemalt hatten, das ein wenig an das Zeichen des Afrika-Korps von unserem Kriegshelden Erwin Rommel erinnerte.

Die meisten unserer Soldaten sind bei euch, um einen Beitrag zur Befreiung eurer Frauen zu leisten - so hat es jedenfalls mal eine Ministerin der SPD vor dem Bundestag gesagt.

Wir wollen auch, dass es euch wirtschaftlich etwas besser geht als bisher! Und das ist uns ja nach 6 Jahren unseres Besuches bei euch auch schon gelungen!

Ihr baut jetzt viel mehr Mohn an als je zuvor und könnt mehr Opium herstellen und an uns und die übrigen Länder der Welt verkaufen. Bei uns hilft das einer ganzen Reihe von Jugendlichen!

Unter uns - noch ein Wort zu unseren Politikern - zu unseren und euren. Ich habe gehört, dass ein Teil eurer Politiker korrupt sein soll? Nun, bei uns gab und gibt es auch einige, die ganz unerklärbar Geld auf ihrem Schreibtisch fanden oder es in Koffern bekamen! Ihr müsst also keine Sorge haben, dass wir euer politisches System zu drastisch verändern.

Ich habe abschließend eine Bitte an euch, liebe Frauen und Männer in Afghanistan.

Vieles ist ja bei uns absolut in Ordnung und kann gar nicht mehr besser gemacht werden. Aber eben nicht alles ist perfekt. Deswegen - wenn unsere Soldaten euch so in 15 bis 20 Jahren zu einer hoch zivilisierten und wirtschaftlich starken Gesellschaft entwickelt haben, dann schickt uns doch bitte ein paar Kompanien eurer bewaffneten Entwicklungshelfer nach Berlin, Köln, Hamburg und München, weil ich gehört habe, dass das gut für uns sein könnte, und viele Deutsche auf euren Dank und eure Gegenleistung schon warten.

Liebe Grüße

Euer Dieter

(aus "Mensch, Michel!", Geschichten, Gedichte und eine Erzählung, Leipzig, 2008, Engelsdorfer Verlag)

 



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