Gustav Ganz ist tot!
Gustav Ganz, der weltweit bekannte Rollschuhfahrer
und berüchtigte Posaunist der Klein-Büllesheimer
Blaskapelle, ist tot. Sein bereits erkalteter Leichnam
wurde am Donnerstag von einer Freundin in seiner
Wohnung in Castrop-Rauxel aufgefunden. Die zuständige
Staatsanwaltschaft hat zwischenzeitlich die
Ermittlungen abgeschlossen. Wie aus informierten
Kreisen zu erfahren war, ist Gustav Ganz vermutlich
an einer Überdosis Pfefferminz-Bonbons gestorben.
Ganz, eine Ikone der Blasmusik, war in den 80er
Jahren durch seinen Hit „Tututata!" zu weltweitem
Ruhm gekommen. Von Millionen Fans in aller Welt
wurde er besonders verehrt und geliebt, weil er sich
bei seinen glanzvollen Auftritten schwarze Schuhcreme
ins Gesicht schmierte, auf der Bühne sein Geschlechtsteil
berührte und einbeinig Paso doble tanzte.
Über den Tod von Ganz wurde in allen seriösen
Zeitungen und Fernsehanstalten ausführlich berichtet.
Seine Feuerbestattung unter freiem Himmel, zu der
sich Prominente und Fans aus aller Welt versammelt
hatten, wurde am Montag von allen großen Sendeanstalten
übertragen.
Die Zeremonie, die 12 Stunden dauerte, wurde vom
amerikanischen Kultusministerium und von Coca-
Cola finanziert, weil Gustav Ganz sich für den Irak-
Krieg und - kurz vor seinem Tod - für den Atombombeneinsatz
gegen afghanische Clans, die nordkoreanischen
Kolchosebauern und gegen iranisch8
islamistische Teetrinker eingesetzt hatte. Amerikanische
Internet-Anbieter haben sich bei der USRegierung
die Veröffentlichungsrechte für die Videos
über die Atombombeneinsätze gesichert.
Gustav Ganz wurde ohne seine Hoden verbrannt.
Eine ungenannte Elite-Universität soll die Familie
Ganz gebeten haben, das Skrotum des Verstorbenen
der Forschung zu überlassen. Gerüchte, wonach Fans
das Gehirn des Posaunisten gestohlen hätten, wurden
von der zuständigen Staatsanwaltschaft dementiert. Es
hieß, man habe bei der Obduktion des Leichnams
kein Gehirn vorgefunden.
Der Tod und die Feuerbestattung von Ganz waren
das Medienereignis des Jahres 2009. Aus gut informierten
Kreisen war zu erfahren, dass Boulevardzeitungen
und Internetanbieter weltweit ca. 15.000 Obdachlose
und in Deutschland drei Hartz-IVEmpfänger
angestellt haben sollen, damit über das
Ereignis angemessen berichtet werden konnte.
Zugleich sollten diese neuen Arbeitskräfte den anspruchsvollen
kritischen politischen Journalismus in
den Medien wiederbeleben - insbesondere in
Deutschland. Einige Blätter und Internetanbieter
haben allerdings wegen des überwältigenden Interesses
einer unschätzbar hohen Leserschaft beschlossen,
zukünftig ausschließlich über verstorbene Rollschuhfahrer
und Blasmusiker zu berichten.
Auch Prominente reagierten auf den überraschenden
Tod des beliebten Gustav mit Bestürzung. Von Angela
Merkel erhielt Gustav Ganz post mortem die Tap9
ferkeitsmedaille am Strumpfband. Die Verleihung
wurde von der Opposition kritisiert, da Ganz in den
letzten Wochen als potentieller Nachfolger von Verteidigungsminister
Jung gehandelt worden war, der in
der nächsten Legislaturperiode über Afghanistan
abgeworfen werden soll.
Andere Reaktionen zeigten die enorme Betroffenheit,
die der Tod des Blasmusikanten ausgelöst hatte. Eine
bekannte Erfolgsautorin ließ sich unmittelbar nach der
Trauerzeremonie an ihren Hämorrhoiden operieren.
Nach den Gründen für ihren Entschluss befragt,
äußerte sie, sie sei Gustav Ganz diese Geste der Verehrung
schuldig. Außerdem hielte sie die Operation
für ihre neue Tätigkeit bei einem großen Fernsehsender
für nützlich.
(Titelgeschichte aus meinem Buch "Gustav Ganz ist tot!" - Ein Streiflicht durch unsere Gesellschaft, Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 2009)