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Aus meinem noch unfertigen Roman "Es regnet kein Gold vom Mond:

 

1. Der erste Eindruck

Johannes hatte das Licht der Welt an einem kalten Dezembermorgen des Jahres 1947 erblickt und fand sich schwer zurecht. Die Art und Weise, wie er die Welt begrüßte, war vielsagend. Johannes gab seine Fäkalien in seine Windeln ab, brüllte nach Leibeskräften und legte sich eine Milchallergie zu.

Dieser Säugling schien schwierig, störte die Nachtruhe seiner ausgebombten Verwandtschaft regelmäßig zwischen drei und vier Uhr morgens und empfand offenbar Abscheu für seine Umgebung. Seine Tragödie bestand darin, dass er von niemandem verstanden wurde - und niemanden verstand.

Dabei war das Umfeld, das er zu erfassen suchte, äußerst begrenzt. Vorerst hatte Johannes lediglich seine Eltern und Großeltern zu verstehen - vielleicht noch seine ältere Schwester, die aber ähnlich irritiert schien wie er selbst.

Die Ansammlung vertriebener und geflüchteter Erwachsener in der viel zu kleinen großelterlichen Wohnung und der Lärm, den die dort wohnenden Menschen verursachten, wenn sie ihr Überleben oder sonst etwas feierten, störten Johannes beträchtlich.

Auch konnte er später nicht verstehen, wenn die Erwachsenen sich wie gebannt über einen Laib Brot beugten oder das Öffnen einer Dose Corned Beef wie eine Messe zelebrierten. Aber war es das, was Johannes so unruhig und unleidlich machte, ihn ständig brüllen ließ und antrieb, Übellaunigkeit zu demonstrieren? Er gab seinem Babygeschrei stets diesen anklagenden und verachtungsvollen Unterton und verhielt sich auch als Krabbelkind fast immer aggressiv.

Was zum Teufel regte ihn so auf? Warum nur war die Liebe zu seinen Eltern, zu den Großeltern und dem Rest der Menschheit mit soviel Unsicherheit belastet? Es gab doch zunächst einmal nichts, was an seiner Verwandtschaft und den Menschen in seiner Umgebung ungewöhnlich war.

Der Großvater mütterlicherseits hatte sich 1914 zusammen mit Millionen anderer Menschen auf Befehl von ein paar debilen Adeligen in Züge verfrachten lassen, war über die Grenzen fremder Länder gefahren, hatte an der Somme angefangen, sich in der Erde einzubuddeln, um Schutz vor den französischen und englischen Granaten zu finden.

Anstatt sich dem Erlernen eines Berufes, dem Kennenlernen eines netten Mädels, der Gründung einer Familie und der Fortpflanzung intensiv zu widmen, war der Großvater der Idee gefolgt, man müsse ein Bajonett in die Bäuche der Nachbarsjungen rammen und vier lange Jahre im Dreck hausen. Letztendlich war er in Frankreich mehrfach verwundet worden.

Johannes Großvater väterlicherseits hatte sich an dem ungesunden Unternehmen des I. Weltkrieges ebenfalls mit sehr fragwürdigem Ergebnis beteiligt. Er war in russischer Gefangenschaft verhungert.

Durch die abartige Großmannssucht des Hohenzollernhauses und des preußischen Landadels, die Habgier des industriellen Großbürgertums, die Obrigkeitshörigkeit der Beamten, die Karrieresucht der Berufsoldaten, die Anpassungsfähigkeit der akademisch Gebildeten und die Sprachlosigkeit der Arbeiterschaft - vor allem aber durch den allen gemeinsamen, idiotischen, katholisch und evangelisch begründeten deutschen Gehorsamswahn - war Johannes einer wichtigen Informationsquelle in seiner Kindheit beraubt worden. In seinem späteren Leben konnte er dem Hause Hohenzollern und dem Hause Habsburg deswegen nicht den notwendigen Respekt entgegenbringen - im Gegenteil - zutiefst bedauerte er, dass in Berlin und Wien kein adeliges Blut vom Schafott geflossen war. Schon deshalb sollte er Paris später mehr lieben als den Gendarmenmarkt und die Burg.

Da der Großvater väterlicherseits durch sein frühzeitiges Ableben zur Versorgung der Familie keinen nennenswerten Beitrag mehr leisten konnte - die Kriegerwitwenrente war preußisch bedeutungslos - wurde der Verhungerte durch einen Stiefvater ersetzt.

Dieses angeheiratete Familienmitglied war im I. Weltkrieg vom Militärdienst verschont geblieben, weil er im Stollen eines Salzbergwerkes kriegswichtige Arbeiten zu verrichten gehabt hatte. Später baute er im Garten seines kleinen Bergarbeiterhäuschens zusätzlich Kartoffeln an, damit Johannes Vater in Zeiten der permanenten Unterernährung sein Körpergewicht halten konnte.

Ohnmächtig, teilweise erstaunt über die Vorgänge um ihn herum, hatte der überlebende Großvater mütterlicherseits sich nach dem Auskurieren seiner Verwundungen darauf konzentriert, die weitere Existenz seiner Familie durch den Eintritt in den Staatsdienst zu sichern. Der Beamtenstatus schien ihm der sicherste in Zeiten, in denen auf den Straßen geschossen wurde, und ein Viertel Pfund Leberwurst eine Million Reichsmark kostete.

An seine beiden Großmütter konnte sich Johannes später kaum noch erinnern. Die eine war nach seinen kindlichen Eindrücken anscheinend zu etwas Höherem geboren - sie ging fast wöchentlich zum Friseur und überschüttete die Familie, als es später nach dem II. Weltkrieg wirtschaftlich wieder aufwärts ging, mit ungenießbaren Lebensmitteln aus den aufwachsenden Reformhäusern.

Die Erziehungsmethode, die sie Johannes, der einen Großteil seiner Kindheit zwangsweise in ihrer Nähe verbringen musste, angedeihen ließ, war präzise als autoritär zu bezeichnen und hatte den Charme und die Wirksamkeit der Methoden einer preußischen Kadettenanstalt. Diese Großmutter war voll der Nächstenliebe und etwas egozentrisch.

Die andere Großmutter erlebte Johannes als Säugling zunächst einmal gar nicht. Sie lebte in der Nachkriegszeit in der russisch besetzten Zone und besuchte die Familie erst, als Johannes schon sechs Jahre alt war. Diese Großeltern (mit Stiefgroßvater) gingen während ihrer Besuchsaufenthalte und auch sonst jeden Sonntag in die heilige Messe und hielten Johannes nach ihrer Rückkehr regelmäßig vor, dass er mit großer Wahrscheinlichkeit in der ewigen Verdammnis enden werde, sofern er sich nicht auch einen gottgefälligen Gehorsam zulegen würde.

Die Großmutter verkörperte eine Wesensart katholischer Christen, die Johannes besonders verabscheute. Sie konfrontierte ihn mit Aphorismen wie „üb immer Treu und Redlichkeit" und „ohne Fleiß keinen Preis", die Johannes nicht besonders ernst nahm, die er jedoch sein Leben lang nicht vergessen sollte. Welche Blüten der Katholizismus noch im 21. Jahrhundert zu treiben imstande war, erkannte Johannes, als ein ehemaliger Hitlerjunge Papst wurde und ein rheinisch-katholisches Schiff der "Köln-Düsseldorfer" noch Monate nach dem Papst-Besuch mit einem Plakat geschmückt blieb, das den Papstnamen trug. Vater, vergib den rheinischen Katholiken!

Bei den später sich entwickelnden Diskussionen darüber, welche Seite des geteilten Deutschlands das bessere Schicksal ereilt hatte, die kapitalistische Westseite oder die kommunistische „Sofjetzone", plädierte die Großmutter für die Bescheidenheit des Ostens, nahm aber bei ihrer Rückreise vorsichtshalber alle greifbaren Bohnenkaffeevorräte mit in ihr kleines Heimatstädtchen.

Sie hatte fast immer ein freundliches Lächeln auf dem Gesicht - war tolerant und liebenswürdig wie eine Hyäne.

Die übrigen Verwandten und Mitmenschen, die er ungefragt und ohne sein Einverständnis kennen lernte, erschienen ihm damals zwar seltsam, jedoch allenfalls deshalb, weil sie sich mit ihren riesigen Gesichtern über sein Kinderbettchen beugten, unverständliches Zeug brabbelten und ihn erschreckten, sofern sie ihm nicht erwartungsgemäß seine Nahrung reichten. Johannes ahnte noch nicht, in welch eine menschliche Welt er hineingeboren worden war.

Gleichwohl ängstigten ihn die Details seiner Umgebung - aber nicht, weil seine Verwandten so absonderlich waren, sondern weil er ihr Erwachsensein nicht begriff. Sie hatten ja ihre Uniformen und Parteiabzeichen zwei Jahre zuvor schleunigst abgelegt und waren deshalb auf den ersten Blick nicht mehr zu erkennen.

So erfuhr Johannes von dem speziell deutschen Anteil an der Menschheitsgeschichte erst sehr viel später, was einerseits vielleicht ein großes Glück war, andererseits jedoch dazu führte, dass Johannes sich irgendwie von Anfang an betrogen vorkam.

Auf jeden Fall aber zweifelte er nie, dass die Grundlagen für seine spätere Verwirrtheit bereits in seiner frühen Kindheit geschaffen worden waren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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